IFRS 18 und seine Kapitalmarktrelevanz - Fünf Thesen zu den Auswirkungen auf Berichterstattung, Steuerung und Kapitalmarktkommunikation
IFRS 18 bringt für die Finanzberichterstattung wesentliche Veränderungen mit sich. Im Mittelpunkt stehen eine neue Struktur der Gewinn- und Verlustrechnung sowie erweiterte Angabepflichten im Anhang. Ziel des IASB ist es, die Transparenz, Konsistenz und Vergleichbarkeit zu erhöhen und damit die Aussagekraft der Berichterstattung für Kapitalmarktteilnehmer zu stärken. Besonders bedeutsam sind die Änderungen in der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV), da sie nicht nur die externe Berichterstattung beeinflussen, sondern auch in die interne Steuerung von Unternehmen hineinwirken. Viele zentrale Leistungsindikatoren werden unmittelbar aus der GuV abgeleitet, sodass sich Veränderungen in der Darstellung und Abgrenzung auch auf die Bewertung, Prognosen und Kapitalmarktkommunikation auswirken können. Wie stark die Kapitalmarktrelevanz im Einzelfall ausfällt, lässt sich nicht pauschal beantworten und hängt vom Unternehmenskontext, der Branche und der jeweiligen Peergroup ab. Die folgenden Thesen skizzieren die wesentlichen Faktoren zur Beurteilung der Kapitalmarktrelevanz von IFRS 18.
Von Dr. Julia Zicke und Prof. Dr. Christopher Sessar
These 1: Kapitalmarktrelevanz ist branchen- und peergroupabhängig
Die Wirkung von IFRS 18 auf den Kapitalmarkt hängt stark vom Wettbewerbsumfeld eines Unternehmens ab. Sind zentrale Wettbewerber ebenfalls von IFRS 18 betroffen, verändern sich Bewertungsmassstäbe innerhalb der Peergroup und die Effekte wirken sich auf Bewertungsmodelle und die Equity Story aus. Die Einführung wirkt in diesem Fall nicht isoliert auf ein einzelnes Unternehmen, sondern auf die gesamte Peergroup, in der Investoren Ergebnisgrössen und Margen einordnen. Eine Kurzumfrage des DRSC unter den DAX-40-Unternehmen (DRSC 2026) unterstreicht diese Differenzierung: Ein Viertel der befragten Unternehmen erwartet «eher starke» oder «sehr starke» Auswirkungen auf das bisher berichtete Betriebsergebnis, während 61 % lediglich geringfügige Effekte antizipieren. Schwieriger wird es, wenn wichtige Wettbewerber in Rechtsräumen berichten, die IFRS 18 nicht anwenden. Dann müssen Unterschiede in der Ergebnisdarstellung gezielt erklärt und übergeleitet werden, um die internationale Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Für Unternehmen mit US-orientierter Peergroup ist diese Brückenfunktion besonders relevant. Zugleich steigt in solchen Konstellationen der Bedarf an erläuternder Kommunikation, damit Investoren Veränderungen nicht vorschnell als operative Verschiebungen interpretieren.
These 2: IFRS 18 verändert zentrale Steuerungskennzahlen
IFRS 18 betrifft nicht nur die Darstellung der GuV, sondern kann auch die Definition und Messung steuerungsrelevanter KPIs verändern. Besonders relevant sind Kennzahlen wie Operating Profit oder EBIT, die sowohl in der internen Steuerung als auch in der Kapitalmarktkommunikation eine zentrale Rolle spielen. Änderungen in der Abgrenzung wirken sich daher nicht nur auf die Berichterstattung, sondern auch auf die Planung, Zielsysteme und strategische Steuerung aus. Auch hier zeigt sich ein heterogenes Bild: Die Hälfte der DAX-40-Unternehmen plant keine Anpassung ihrer ergebnisbezogenen Steuerungskennzahlen im Zuge der Erstanwendung von IFRS 18, während 29 % eine Anpassung beabsichtigen und 21 % noch keine abschliessende Entscheidung getroffen haben (DRSC 2026). Bezeichnenderweise nennen 21 von 28 befragten DAX-40-Unternehmen die «Stetigkeit in der Kapitalmarktkommunikation mit Analysten und Investoren» als das relevanteste Motiv im Zusammenhang mit der Entscheidung für oder gegen eine Anpassung ihrer Steuerungskennzahlen (DRSC 2026).
Unternehmen sollten ihre KPI-Architektur deshalb frühzeitig überprüfen und Anpassungen gegenüber dem Kapitalmarkt frühzeitig klar und nachvollziehbar erläutern. Denn selbst methodisch gut begründete Änderungen können zu Irritationen führen, wenn ihre Auswirkungen auf bekannte Erfolgsgrössen nicht transparent kommuniziert werden. Klar definierte KPI-Glossare und eine konsistente Verwendung über alle Kommunikationskanäle hinweg gewinnen dadurch an Bedeutung. Sie schaffen Transparenz, machen die Auswirkungen von IFRS 18 nachvollziehbar und reduzieren das Risiko uneinheitlicher Interpretationen. Nur wenn Definitionen dauerhaft konsistent verwendet werden, lässt sich die Glaubwürdigkeit zentraler Steuerungsgrössen nachhaltig sichern.
Mit diesen Anforderungen steigen Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Konsistenz bei unternehmensindividuellen Leistungskennzahlen. Das betrifft vor allem das Verhältnis zwischen IFRS-Grössen und ergänzenden Non-GAAP-Kennzahlen. Künftig müssen Anpassungen klar definiert, erläutert und nachvollziehbar übergeleitet werden. IFRS 18 stärkt damit nicht nur die formale Struktur der Berichterstattung, sondern erhöht zugleich die Disziplin in der Herleitung und Kommunikation zentraler Leistungskennzahlen. Gerade bei Unternehmen mit internationaler Investorenbasis gewinnt diese Überleitungslogik zusätzlich an Bedeutung. Gleichzeitig steigt der Anspruch, bereinigte Kennzahlen nicht nur rechnerisch, sondern auch inhaltlich überzeugend zu begründen.
These 3: MPMs erhöhen den Druck auf Transparenz und Überleitungen
IFRS 18 führt mit den sogenannten Management-defined Performance Measures – kurz MPMs – eine neue Kategorie verpflichtender Anhangangaben ein. MPMs sind unternehmensindividuell definierte Zwischensummen von Erträgen und Aufwendungen, die das Management in der öffentlichen Kommunikation ausserhalb des Abschlusses verwendet und die über die in IFRS definierten Zwischen- und Gesamtsummen hinausgehen. Für jede MPM sind im Anhang eine Überleitung zur nächstgelegenen IFRS-Zwischensumme, eine Erläuterung der Aussagekraft aus Managementsicht sowie die steuerlichen Effekte der vorgenommenen Anpassungen offenzulegen.
Mit diesen Anforderungen steigen Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Konsistenz bei unternehmensindividuellen Leistungskennzahlen. Das betrifft vor allem das Verhältnis zwischen IFRS-Grössen und ergänzenden Non-GAAP-Kennzahlen. Künftig müssen Anpassungen klar definiert, erläutert und nachvollziehbar übergeleitet werden. IFRS 18 stärkt damit nicht nur die formale Struktur der Berichterstattung, sondern erhöht zugleich die Disziplin in der Herleitung und Kommunikation zentraler Leistungskennzahlen. Gerade bei Unternehmen mit internationaler Investorenbasis gewinnt diese Überleitungslogik zusätzlich an Bedeutung. Gleichzeitig steigt der Anspruch, bereinigte Kennzahlen nicht nur rechnerisch, sondern auch inhaltlich überzeugend zu begründen.
These 4: Umsetzungserfolg hängt von Prozessen und Automatisierung ab
IFRS 18 führt mit den sogenannten Management-defined Performance Measures – kurz MPMs – eine neue Kategorie verpflichtender Anhangangaben ein. MPMs sind unternehmensindividuell definierte Zwischensummen von Erträgen und Aufwendungen, die das Management in der öffentlichen Kommunikation ausserhalb des Abschlusses verwendet und die über die in IFRS definierten Zwischen- und Gesamtsummen hinausgehen. Für jede MPM sind im Anhang eine Überleitung zur nächstgelegenen IFRS-Zwischensumme, eine Erläuterung der Aussagekraft aus Managementsicht sowie die steuerlichen Effekte der vorgenommenen Anpassungen offenzulegen.
Die erfolgreiche Umsetzung von IFRS 18 hängt wesentlich von der Implementierungsfähigkeit und dem Automatisierungsgrad der Finanzprozesse ab. Erforderlich sind eine konsistente Zuordnung von Konten und Geschäftsvorfällen auf neue GuV-Kategorien, regelbasierte Zuordnungen sowie belastbare Datenflüsse über alle Reporting-Ebenen hinweg. Je besser diese Voraussetzungen erfüllt sind, desto geringer ist das Risiko von Inkonsistenzen, manuellen Fehlern und Rückfragen durch Prüfer oder Kapitalmarktteilnehmer. Eine erfolgreiche IFRS-18-Implementierung ist insofern auch eine Frage von Datenqualität, Systemarchitektur und Prozessdesign – dies bestätigt auch die DRSC-Umfrage (DRSC 2026), in der neben Accounting (durchschnittlich «sehr stark» involviert) und Controlling («eher stark») die Hälfte der Unternehmen die IT als weiteren einbezogenen Funktionsbereich mit einer Einbindungsintensität von «mittel» bis «sehr stark» benennt. Unternehmen mit stärker standardisierten und digitalisierten Prozessen werden die Anforderungen in der Regel schneller und effizienter umsetzen können. Zugleich zeigt sich hier, dass regulatorische Veränderungen zunehmend auch als Transformationsimpulse für die Finanzfunktion wirken können.
These 5: Governance und Changemanagement sind erfolgskritisch
Governance und Changemanagement sind zentrale Erfolgsfaktoren für die Umsetzung von IFRS 18. Die Einführung ist keine rein technische Bilanzierungsfrage, sondern ein bereichsübergreifender Transformationsprozess für Finance, Controlling, Investor Relations und IT. Bei 75 % der befragten DAX-40-Unternehmen sind Gesamtvorstand und Aufsichtsrat in das Implementierungsprojekt eingebunden, der CFO ist durchschnittlich in einem mittleren Umfang involviert (DRSC 2026). Frühzeitige Policy-Entscheidungen, Dry Runs und Schulungen und ein enger Austausch mit dem Abschlussprüfer erhöhen die fachliche Robustheit. Ebenso wichtig ist ein abgestimmter Kommunikationsplan, um interne und externe Adressaten auf veränderte Darstellungen und mögliche Verschiebungen bei Schlüsselkennzahlen vorzubereiten – 43 % der befragten Unternehmen planen bereits, den Kapitalmarkt noch im Jahr 2026 über die voraussichtlichen Auswirkungen zu informieren (DRSC 2026). Eine proaktive Kommunikation, bspw. Webcasts mit Analysten, in denen die Umsetzung vorgestellt wird, hilft dabei, Fehlinterpretationen zu vermeiden und das Vertrauen in die Berichterstattung zu sichern. Ein belastbares Governance-Modell schafft klare Verantwortlichkeiten und unterstützt eine konsistente Umsetzung über alle beteiligten Funktionen hinweg.
Kritische Würdigung
IFRS 18 verfolgt mit der Standardisierung von Zwischensummen und der Einführung von Management-defined Performance Measures ein sehr nachvollziehbares Transparenzziel – allerdings bleibt fraglich, ob die tatsächliche Kapitalmarktrelevanz für alle Unternehmen gleichermassen gegeben ist. Kritisch ist zudem anzumerken, dass die Komplexität der Umsetzung – insbesondere hinsichtlich der Überleitung unternehmensspezifischer Kennzahlen – einen erheblichen Implementierungsaufwand erzeugt, der insbesondere mittelgrosse IFRS-Anwender mit manueller/fragmentierter Prozesslandschaft vor operative Herausforderungen stellen dürfte. Die bisherigen empirischen Befunde unterstreichen die Notwendigkeit einer ganzheitlichen IFRS-18-Implementierungsstrategie, die neben fachlichen Bilanzierungsfragen auch die Anpassung von IT-Systemen und ERP-Landschaften, die Neugestaltung von Reporting-Prozessen sowie den Aufbau adäquater Support-Strukturen (etwa durch Schulungsprogramme und Cross-Functional Governance) umfasst. Ohne eine solche strategische Verankerung besteht das Risiko, dass die intendierten Vergleichbarkeits- und Transparenzgewinne von IFRS 18 am Kapitalmarkt nicht realisiert werden und stattdessen Inkonsistenzen in der Kommunikation das Vertrauen der Investoren untergraben.
Dr. Julia Zicke
ist Leiterin des Bereichs Group Accounting & Reporting der SAP SE. Darüber hinaus ist Dr. Zicke Mitglied der EFRAG Sustainability Reporting Technical Expert Group (EFRAG SR TEG).
Prof. Dr. Christopher Sessar
ist Chief Accounting Officer, Senior Vice President und Leiter des Bereichs Global Accounting, Reporting & Tax der SAP SE.


