Gruppentherapie Reporting – warum der Geschäftsbericht trotz allem einen Nutzen hat

von Dr. Kai Rolker
vorgetragen am 10. Geschäftsberichte-Symposium, 13. Juni 2019, in Rüschlikon/Zürich

Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen

Das Reporting als «Gruppentherapie»: Diese Sichtweise ist bisher nicht im Mainstream angekommen, daher freue ich mich, ein paar klärende Worte zum Thema sagen zu dürfen.

Ich wurde im Vorfeld zu dieser Veranstaltung bereits angesprochen, ob ich vielleicht Arzt sei oder Psychotherapeut. Ich glaube, der Fragende hat auf einen diagnostischen Blick von aussen gehofft mit dem Ergebnis, das wir das Thema «Reporting» als das betrachten, was Ärzte am liebsten haben: nämlich als eine Krankheit, die es zu heilen gilt.

«Schön wär’s», kann ich dazu nur sagen. Leider bin ich selbst betroffen und leide seit 15 Jahren an der jährlich wiederkehrenden Reporting-Grippe. Ich bin also wie viele von Ihnen, Sie haben es gehört, in der Kommunikation zuhause und nicht im Gesundheitswesen.

Der Titel dieses Vortrags ist aus einem gewissen Unbehagen entstanden. Das liegt vor allem an der jährlich wiederkehrenden internen Diskussion, bei der aus Anlass des Reports unterschiedliche Meinungen über die Strategie, die allgemeinen Prioritäten und das Geschäftsmodell des Unternehmens aufeinanderprallen.

Auch besteht wohl in keinem Unternehmen eine einheitliche Meinung zu Zweck und Nutzen des Geschäftsberichts. Zudem ist häufig nicht klar, wer warum für den Bericht federführend zuständig ist und welche Ziele man genau erreichen will.

Ausserdem entwickeln sich die Konflikte gerne über mehrere Hierarchiestufen hinweg. Es beginnt bei denen, die die Inhalte liefern, und geht bis hin zur Geschäftsleitung und zum Verwaltungsrat.

Offenkundig ist nur eines: Der Geschäftsbericht wird geliebt und gehasst; er ist einerseits quasi ein Spiegel der Seele des Unternehmens und andererseits eigentlich eine riesige Geldverschwendung.

 

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich zunächst die beiden zentralen Begriffe meiner Überschrift – «Gruppentherapie» und «Reporting» – erklären.

Zunächst zum Begriff der Gruppentherapie: Da ich in der kurzen Zeit der Vorbereitung keine Möglichkeit hatte, eine medizinische Fachausbildung nachzuholen, habe ich wenigstens mal im Internet nachgesehen, was denn eigentlich damit gemeint ist.

Zum Beispiel ist dort zu lesen, es handle sich um eine – Zitat – «psychotherapeutische Behandlung von mehreren in einer Gruppe zusammengefassten Patientinnen und Patienten, die sich gegenseitig dabei unterstützen, ihre [meist ähnlichen] Schwierigkeiten zu analysieren und zu überwinden.»

Die Gruppentherapie sei ausserdem, Zitat, «eine wirksame und kostengünstige Alternative zur Einzeltherapie» – das dürfte sowohl die HR Heads wie auch die CFOs unter Ihnen freuen.

Ich nehme daraus mit, dass eine Gruppentherapie einen Raum schafft, der zielorientiert dabei hilft, individuelle Probleme gemeinsam zu adressieren und als Gruppe Heilung zu finden – oder, wie es heute im Reporting so schön heisst: einen «Impact» zu erzeugen.

So viel zum Begriff der Therapie. Was ist nun das Symptom der Krankheit? Nun, ich denke es ist das oben angesprochene Unbehagen mit dem Reporting. Eine der Ursachen wiederum scheint mir die mangelnde Klarheit über Ziel und Richtung des Reports zu sein.

Die Extrempositionen sind bekannt: Die einen fordern die Rückkehr zum nüchternen Finanzbericht, denn er enthält ja alles, was die Leistung des Unternehmens dokumentiert – die Zahlen.

Die anderen sehen den Bericht als eine umfassende Darstellung dessen, was das Unternehmen ist, was es geleistet hat und was es vor allem noch leisten wird – und das natürlich aus Sicht aller bestehenden und potenziellen Stakeholder. Kommunikatoren sprechen in diesem Kontext gerne vom «Content Hub» oder auch von einer «Markenplattform».

Daneben finden sich weitere Sichtweisen, die häufig nicht ausgesprochen werden, aber dennoch zur Debatte gehören. Der Bericht, wenn er nicht nur aus Zahlen besteht, zeigt nicht nur Menschen des Unternehmens, sondern wird auch von solchen gemacht. Und wo Menschen sind, da wird bekanntlich gemenschelt, das heisst, es geht auch immer um Eitelkeiten, um Ängste und somit um die persönlichen Interessen von Einzelnen.

Wieso aber ist das alles zum Problem geworden beziehungsweise zu einer Krankheit, die es zu heilen gilt?

Ich glaube, es hängt zusammen mit einer Entwicklung, die weit über die genannten internen Aspekte bei der Erstellung des Geschäftsberichts hinausgeht. Sie ist getrieben von immer höheren Erwartungen, die an ein Unternehmen gestellt werden – und vor allem von der nicht beantworteten Frage, wie weit ein Unternehmen diesen Erwartungen entsprechen sollte.

Ich will hier nicht in die Details gehen, da ich unterstelle, dass Sie die wesentlichen Aspekte der Debatte kennen. Ein Unternehmen, zumindest, wenn es international aufgestellt und börsenkotiert ist, kann sich heute kaum noch auf den Standpunkt zurückziehen, dass es einfach für seine Aktionäre Wert schafft und sich ansonsten an Recht und Gesetz hält.

Ob man der Meinung ist, dass Unternehmen Verantwortung für Dinge übernehmen sollten, die eigentlich Sache der Politik wären, oder ob man im Gegenteil daran glaubt, dass Macht eben immer mit Verantwortung einhergehen muss, spielt an sich keine Rolle.

Tatsache ist, dass sowohl die Regulatoren wie auch immer mehr Investoren von Unternehmen verlangen, ihren Status als «guter Bürger» zu beweisen. Und ein «guter Bürger» ist man nur, wenn man dies in jeder Hinsicht ist und das auch belegen kann.

Meine Damen und Herren, wir müssen uns natürlich fragen, ob und wie sich diese externe Krankheitsursache auf die Berichterstattung des Unternehmens auswirkt.

Im Fall der genannten Extremposition eines reinen Finanzberichts würden zumindest die Symptome der Krankheit nicht sichtbar. Ich bin jedoch der Meinung, dass dies keinen Nutzen hätte, denn die Ansprüche der Stakeholder bestehen weiter und ohne umfassenden Bericht müsste eine andere Plattform gefunden werden, die diese adressiert.

Meine Position ist deshalb diese: Es ist den Versuch wert, im Geschäftsbericht ganzheitlich die Tätigkeiten des Unternehmens und seine Wirkung auf die soziale und physische Umwelt darzustellen. Dabei müssen wir die Ungewissheit in Kauf nehmen, nicht genau zu wissen, welchen Wert der Bericht für welche Zielgruppe hat beziehungsweise welchen «Impact» er erzeugt.

Aber ich kann aus eigener Erfahrung sagen, es lohnt sich, den Bericht so zu betrachten, als würde er eben für alle Zielgruppen das jeweils Relevante sagen. Und die Fakten unterstreichen dies auch: So sind etwa 30% der Leser unseres Online-Reports eigene Mitarbeitende, einen ähnlichen Anteil hat der Finanzmarkt.

Diese Betrachtungsweise aber erfordert, dass sich die spezialisierten Abteilungen wieder des grossen Ganzen erinnern, zu dem sie jeweils arbeitsteilig beitragen. Und genau das betrifft die zweite, die interne Ursache der Krankheit.

In der Umsetzung des Berichts stellt sich nämlich häufig heraus, dass nicht jeder das gleiche Verständnis dessen hat, was genau «das Ganze» ist und wie der jeweilige Wertbeitrag des eigenen Bereichs aussieht.

Als Verantwortlicher für die Kommunikation bin ich natürlich der Meinung, dass unser Unternehmen Clariant eigentlich ein Kommunikationsunternehmen ist, das nebenbei auch chemische Produkte verkauft. Das würde der Leiter einer Business Unit vermutlich nicht so sehen.

Aber Spass beiseite: Sobald man beginnt, mit den verschiedenen Abteilungen über Inhalte zu sprechen, stellt sich in der Tat heraus, dass es – und zwar aus den besten Absichten – nicht per se zu einem Konsens kommt. Die Arbeit am Bericht zwingt so zunächst zu einer kollektiven Selbstvergewisserung.

Und das ist es, was ich als wesentlich therapeutische Massnahme bezeichnen will. Es ist wichtig, die Silos in den Köpfen zu überwinden, indem die Gruppe kritisch darüber nachdenkt, was zum einen das grosse Ganze ist und worin zum anderen dann der jeweils eigene Wertbeitrag besteht.

Das heisst aus praktischer Sicht: Bevor man beginnt, die einzelnen Bereiche nach Inhalten zu fragen, sollte man sich die Zeit nehmen, mit der Gruppe den Kontext zu erarbeiten. Dies bedeutet Aufwand. Ein Aufwand, der sich jedoch lohnt und der auch über die Zeit geringer wird, vor allem wenn man die Chance hat, über die Jahre hinweg mit der gleichen Gruppe zu arbeiten.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, aus meiner Sicht hat diese Art der Therapie durch Selbstvergewisserung zwei entscheidende Vorteile: Zum einen gelingt es in der Tat, die Qualität des Ergebnisses zu verbessern. Wenn jeder seinen Bereich im wahrsten Sinne des Wortes als pars pro toto sieht, wird am Ende auch das Ganze besser sichtbar. Zweitens, und dies ist eine durchaus erwünschte Nebenwirkung, kann so der Bericht zum Katalysator für weitere Aktivitäten werden.

Die am Bericht Beteiligten haben ein breiteres Kontextwissen, was die Kommunikation über die Abteilungsgrenzen hinweg erleichtert. Ausserdem ist das Projekt Geschäftsbericht ein guter Türöffner für die Kommunikationsabteilung, die hier gegenüber anderen Abteilungen einen Wertbeitrag leistet, indem sie die losen Enden zusammenfügt.

Diese Aspekte, meine Damen und Herren, scheinen mir von grossem Nutzen zu sein, und zwar unabhängig davon, was man sich sonst vom Geschäftsbericht erhofft.

Insofern kann ich abschliessend nur sagen: Sollten Sie auch an der jährlichen Reporting-Grippe leiden, empfehle ich persönlich eine Gruppentherapie der genannten Art. Über Risiken und Nebenwirkungen berät Sie jedoch weder Ihr Arzt noch Ihr Apotheker.

Vielen Dank.

Dr. Kai Rolker

Dr. Kai Rolker

Dr. Kai Rolker ist seit 2014 Head of Group Communications bei Clariant International Ltd., einem weltweit führenden, börsenkotierten Spezialchemieunternehmen. Er ist zuständig für alle Kommunikationsaktivitäten weltweit. Zuvor war Kai Rolker Director Marketing Communications bei Synthes (Medizintechnik). Er hat in Berlin Philosophie und Alte Geschichte studiert und 2002 in Tübingen promoviert. Ausserdem hat ein MAS Studium in Communication Management an der HSW Luzern absolviert.