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Hirnpower im KI-Zeitalter: Wie wir in der Informationsflut klar denken
Unser Gehirn ist für Tiefe gebaut, nicht für Dauerreize. Es braucht bewusste Pausen und Training, damit wir auch im KI-Zeitalter klar denken können, statt uns von Informationen und Algorithmen leiten zu lassen.
Von Dr. Barbara Studer
Das überflutete Gehirn
Neulich sass ich im Zug und beobachtete die Frau mir gegenüber. Sie wechselte zwischen zwei Bildschirmen vor sich – Handy in der einen Hand, Laptop auf den Knien – und hörte als dritte Stimulationsquelle etwas über die Kopfhörer. Ich musste schmunzeln, nicht abwertend, sondern mit einem gewissen Wiedererkennen. Ich kenne dieses Gefühl. Das Gefühl, man müsse alles gleichzeitig aufnehmen, sonst verpasst man etwas.
Unser Gehirn ist eigentlich nicht für diese Art der breiten Informationsaufnahme gemacht, sondern vielmehr für die Tiefe. Es entstand über Jahrtausende in einer Welt mit klaren, einzelnen Reizen, etwa ein Geräusch im Gebüsch, ein Gespräch am Feuer, eine Aufgabe nach der anderen. Heute bombardieren wir es mit Dutzenden parallelen Informationssträngen, dazu permanent verfügbares Wissen auf Knopfdruck. Das fühlt sich nach mehr Wissen an, ist es aber meistens nicht. Denn Informationen werden erst dann zu Wissen, wenn sie verarbeitet werden. Erst wenn das Gehirn sie mit bestehendem Wissen verknüpft, wiederholt abruft und in einen Kontext einbettet. Was wir nur konsumieren, ohne zu verarbeiten, verändert nichts in uns. Wir haben das Gefühl, informiert zu sein, und sind es jedoch kaum. Ein System, das ununterbrochen mit neuen Reizen gefüttert wird, kommt gar nicht erst dazu, etwas davon wirklich zu festigen. So wird wahrscheinlich auch die Frau im Zug sich am nächsten Tag an keine der drei Informationen erinnern, die sie damals gleichzeitig aufgenommen hat.
Unser Gehirn ist für Tiefe gebaut, nicht für Dauerreize.
KI denkt schnell, aber denkt sie für dich?
Wenn mir eine KI in Sekunden eine druckreife Antwort liefert, spare ich Zeit. Aber was passiert dabei eigentlich in meinem Kopf? Eigentlich sehr wenig, da ich lese, übernehme, und weiter zum Nächsten gehe. Das mühsame Ringen mit einer Frage, das Verwerfen der ersten, noch schlechten Idee, das langsame, manchmal etwas holprige Zusammensetzen eines eigenen Gedankens, all das findet einfach nicht mehr statt. Und genau dieser unbequeme Prozess ist es, der unser Gehirn eigentlich trainiert. Erst durch kognitive Reibung kommen wir zum Verstehen, statt dass wir einfach aufnehmen.
Erste wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Thema bestätigen, was viele von uns intuitiv spüren: Wer regelmässig kognitive Aufgaben komplett an eine KI auslagert, zeigt messbar schwächere neuronale Vernetzung beim eigenständigen Denken, schwächere Erinnerung an das selbst Erarbeitete und weniger Tiefe im eigenen Argumentieren. Das folgt einem uralten Prinzip, das für jeden Muskel und jedes Netzwerk in unserem Körper gilt: Use it or lose it. Was wir nicht mehr selbst nutzen, verkümmert.
Das heisst nicht, KI zu meiden, sondern bewusst zu unterscheiden: Wann nutze ich sie, um mir Arbeit abnehmen zu lassen, die mir wirklich nichts bringt? Und wann brauche ich den anstrengenden, eigenen Denkprozess, weil genau der mich weiterbringt und besser verstehen lässt? Die Haltung spielt da aus meiner Sicht eine entscheidende Rolle: Ich kann KI als Sparringspartnerin nutzen, die mir wichtige Informationen liefert oder meinen eigenen Standpunkt herausfordern oder ergänzen kann. Aber ich will KI nie als Denkersatz nutzen.
Hirnpower als Antwort: die vier Säulen des starken Gehirns
Wenn mich Menschen fragen, wie sie in dieser Flut klar und reguliert bleiben können, antworte ich oft mit etwas, das fast enttäuschend simpel klingt: Bewegung, Schlaf, soziale Beziehungen und kognitives Training. Vier Säulen, die neurobiologisch bestens erforscht sind, und die trotzdem im Alltag als Erstes wegfallen, wenn es stressig wird.
Bewegung fördert die Durchblutung des Gehirns und die Bildung neuer neuronaler Verbindungen. Schlaf ist die Zeit, in der unser Gehirn das Erlebte des Tages verarbeitet und im wahrsten Sinne aufräumt. Soziale Beziehungen regulieren unser Nervensystem, senken Stresshormone und stärken unsere emotionale Widerstandskraft. Und kognitives Training – dazu zählen auch Musik und kreative Tätigkeiten – hält jene Netzwerke aktiv, die wir sonst zunehmend an Maschinen abgeben. Diese vier Säulen sind die biologische Grundlage für Klarheit, Fokus und Entscheidungsstärke. Gerade in einer Welt, die uns ständig Abkürzungen anbietet, sind sie der bewusste Umweg, der sich lohnt.
Die grösste Kompetenz der Zukunft wird nicht sein, möglichst viele KI-Tools zu bedienen. Sie wird sein, ein waches, trainiertes, bewusstes, gut gepflegtes Gehirn zu behalten. Eines, das die KI führt, statt sich von ihr führen zu lassen.
Selektive Aufmerksamkeit als Superkraft
Was mich an der Hirnforschung immer wieder begeistert, ist die Erkenntnis, dass Fokus keine Charaktereigenschaft und auch nicht wirklich eine Frage der Willenskraft oder Disziplin ist, wie viele glauben. Es ist eine trainierbare Fähigkeit, die wir stärken oder schwächen können. Zudem können wir externe Bedingungen schaffen, die den Fokus unterstützen oder erschweren.
In einer Welt mit endlosem Informationsangebot wird die Fähigkeit, das Wesentliche vom Rauschen zu trennen, zur eigentlichen Superkraft. Wer alles gleich wichtig nimmt, wird erschöpft. Wer lernt, bewusst zu filtern, hat mehr Klarheit. Ein paar Strategien, die ich selbst nutze und die neurowissenschaftlich fundiert sind:
Feste, handyfreie Zeitfenster schaffen, in denen das Gehirn nicht ständig unterbrochen wird.
Bewusst entscheiden, bevor man eine neue Informationsquelle öffnet: Brauche ich das jetzt wirklich, oder ist das blosser Reflex?
Aufgaben bündeln, statt ständig zwischen ihnen zu springen, um die Reibungsverluste zu vermeiden, die mit jedem Wechsel entstehen. Deep-Work-Zeiten einplanen, statt ständig abgelenkt zu werden.
Kreative Tätigkeiten und Zeit in der Natur fest einplanen, statt es darauf ankommen zu lassen, ob noch Zeit dafür bleibt.
Informationen werden erst dann zu Wissen, wenn unser Gehirn sie verarbeitet. Was wir nur konsumieren, ohne es zu verarbeiten oder uns davon berühren zu lassen, verlieren wir wieder.
Mensch bleiben im Maschinenzeitalter
Am Ende komme ich immer wieder zu derselben Überzeugung zurück: Es gibt Dinge, die eine Maschine niemals ersetzen wird, egal wie leistungsfähig sie wird. Echte Verbindung zu einem anderen Menschen. Intuition, die aus gelebter Erfahrung, aus Emotionen, aus einem Körper entsteht, den keine KI besitzt. Kreativität, die aus dem Zusammenspiel unerwarteter Gedanken entsteht, nicht aus statistischer Wahrscheinlichkeit. Emotionale Intelligenz, die spürt, was zwischen den Zeilen mitschwingt. Und die Fähigkeit, bei unserem Tun einen persönlichen Sinn zu erleben.
Ich glaube, die grösste Kompetenz der Zukunft wird nicht sein, möglichst viele KI-Tools zu bedienen. Sie wird sein, ein waches, trainiertes, und leistungsfähiges Gehirn zu behalten. Eines, das die KI führt, statt sich von ihr führen zu lassen. Das heisst für mich auch: Technologie sehr bewusst einsetzen, aber genauso bewusst medienfreie Oasen im Alltag mit Momenten schaffen, in denen das Gehirn regenerieren darf, ganz ohne Informationsreize und Stimulation von aussen.
Denn genau dort entsteht Lernen. Genau dort entstehen die kleinen Aha-Momente, die uns nicht nur kompetenter machen, sondern auch glücklich – weil unser Gehirn diese Momente der eigenen Erkenntnis liebt, mehr als jede fertig servierte Antwort. Und genau das ist es, was uns ein Leben lang weiterentwickeln lässt: nicht immer mehr Input von aussen, sondern die Fähigkeit, in Balance und klar im Kopf zu bleiben, während wir lebenslang lernen und wachsen.
Dr. Barbara Studer
ist promovierte Psychologin, Neurowissenschaftlerin, Referentin und Autorin des Bestsellers «Hirnpower». Sie forscht und lehrt an der Universität Bern und ist Mitgründerin und CEO der Hirncoach AG, die neurowissenschaftliche Erkenntnisse in alltagstaugliche Programme übersetzt.


