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Kulturwandel durch KI: Wie Kärcher die digitale Zusammenarbeit revolutioniert
Die digitale Transformation ist für Familienunternehmen oft ein Balanceakt zwischen Tradition und Disruption. Kärcher hat sich für den mutigen Weg entschieden: Mit einer radikalen Cloud-First-Strategie und dem Wechsel in das Google-Ökosystem wurde das Fundament gelegt, um nicht nur Prozesse zu optimieren, sondern die Denkweise von 17.000 Mitarbeitenden zu verändern. Ein Blick darauf, wie generative KI im Finanzbereich und darüber hinaus zum Treiber einer neuen «Mit-Erfinder»-Kultur wird.
Von Stefan Patzke und Dr. Daniel Marks
Die Diskussion um Künstliche Intelligenz (KI) in Unternehmen wird oft technokratisch geführt: Es geht um Modelle, Rechenpower und Lizenzen. Bei Kärcher haben wir früh erkannt, dass die Technologie zwar der Enabler ist, der wahre Hebel für die Transformation jedoch in der Kultur liegt. Als Weltmarktführer für Reinigungstechnik ist Innovation Teil unserer DNA. Doch um im digitalen Zeitalter Schritt zu halten, mussten wir unsere historisch gewachsene, heterogene IT-Landschaft grundlegend modernisieren.
Das Fundament: Cloud-First als Basis für KI
Der Weg zur heutigen KI-Reife begann lange vor dem Hype um ChatGPT. Bereits 2019 trafen wir die strategische Entscheidung, unsere Kollaborationsplattformen radikal zu vereinheitlichen und migrierten auf Google Workspace. Dieser Schritt – weg von etablierten On-Premise-Lösungen hin zu einer reinen Cloud-Umgebung – war kulturell disruptiv, aber notwendig. Er schuf die technische Basis und die agile Mindset-Grundlage, auf der wir heute unsere KI-Strategie aufbauen. Ohne saubere Daten und eine vernetzte Infrastruktur bleibt KI in Silos stecken. Wir haben diese Silos aufgebrochen.
KI-Demokratisierung statt Elfenbeinturm
Im Jahr 2023 standen wir vor der Wahl: Geben wir mächtige KI-Tools nur einer kleinen Gruppe von Data Scientists und IT-Experten oder vertrauen wir auf die Schwarmintelligenz unserer Belegschaft? Wir entschieden uns für Letzteres. Ende 2024 starteten wir den globalen Roll-out von «Gemini for Google Workspace». Das Ziel war ambitioniert: Wir wollten KI demokratisieren.
Unsere Maxime lautet: «Nicht die KI wird den Menschen ersetzen, sondern der Mensch, der KI nutzt, wird denjenigen ersetzen, der es nicht tut». Um dies zu erreichen, setzten wir nicht auf einen klassischen Top-down-Roll-out, sondern auf ein weltweites Netzwerk aus über 700 «Gemini Ambassadors». Diese internen Multiplikatoren in den Fachbereichen und Landesgesellschaften holten ihre Kollegen auf Augenhöhe ab. Flankiert wurde dies durch verpflichtende Basisschulungen, die nicht nur die Bedienung erklären, sondern vor allem die Risiken (wie Halluzinationen) und den datenschutzkonformen Umgang thematisieren. Erst nach bestandenem «KI-Führerschein» wird das Tool freigeschaltet.
Der wahre ROI ist die entfesselte Problemlösungskompetenz unserer Teams.
Der CFO als Treiber: Use Cases im Finanzbereich
Gerade im Finanzbereich, der traditionell von Genauigkeit und Risikominimierung geprägt ist, bietet generative KI enorme Potenziale, wenn sie richtig eingesetzt wird. Wir nutzen KI nicht, um die Verantwortung für Zahlen abzugeben, sondern um Kontext zu schaffen.
Ein konkretes Beispiel ist der Einsatz von KI-Agenten (sogenannten «Google Gems») im Group Controlling. Die manuelle Prüfung von Budgetpräsentationen auf Konsistenz, Storyline und Einhaltung von Vorlagen ist zeitaufwändig. Heute übernimmt ein KI-Agent den ersten Review-Loop. Er prüft technische Formalien und inhaltliche Logik, sodass sich die Controller auf die strategische Diskussion konzentrieren können.
Auch in unserer Global Business Services Einheit revolutioniert KI die Prozesse. Ein «GL Coding Agent» unterstützt bei der Kontierung von Rechnungen, indem er historische Daten mit unseren Buchungsrichtlinien abgleicht und Vorschläge unterbreitet. Das Ergebnis ist nicht nur eine Effizienzsteigerung, sondern eine höhere Datenqualität durch die strikte Einhaltung von Governance-Vorgaben.
Ein weiterer wichtiger Hebel ist das Wissensmanagement – sowohl im Finanzbereich als auch unternehmensweit. Statt wertvolles Wissen in hundertseitigen PDF- oder Textdateien zu «begraben », machen wir es interaktiv zugänglich. Technologien wie NotebookLM erlauben es uns, Dokumente nicht nur zu durchsuchen, sondern sie gezielt zu befragen oder sogar als Audio-Podcast oder Live-Talk mit Frage-Antwort-Funktion zu konsumieren. So wird statisches Wissen zu einem lebendigen Dialogpartner. Diese Beispiele sind jedoch nur punktuelle Einblicke in die KI-Nutzung bei Kärcher. Durch die bewusste Entscheidung für eine breit angelegte KIBefähigungsstrategie, entstehen im ganzen Unternehmen ähnliche, faszinierende Use Cases «Bottomup» – direkt aus der Mitte der Belegschaft. Ob im Marketing, in der Entwicklung oder im HR: Überall dort, wo Mitarbeitende die Möglichkeiten der KI verstehen, entwickeln sie eigenständig Lösungen für ihre täglichen Herausforderungen.
Wir setzen auf KI-Demokratisierung, denn wir sind überzeugt: Der Mensch ist unersetzbar – aber mit KI an der Seite wird er unschlagbar.
Messbarer Erfolg und kultureller Wandel
Die Zahlen bestätigen unseren Kurs: Weltweit liegt die Nutzungsrate unserer KI-Tools bei rund 70%, im Headquarter sogar bei über 80%. Monatlich verzeichnen wir bereits über 500.000 «Prompts» – also Interaktionen mit der KI. Doch wichtiger als diese KPIs ist die Veränderung in der Arbeitsweise. Wir sehen, dass Mitarbeitende, die früher reine Anwender waren, nun beginnen, Prozesse zu hinterfragen und eigene Automatisierungslösungen zu entwickeln. Unsere digitale Tochtergesellschaft Zoi spielt hierbei als Sparringspartner eine wichtige Rolle, um technologische Trends frühzeitig zu erkennen («Exploration») und in das Unternehmen zu tragen («Exploitation»).
Fazit: Jeder ist ein Erfinder
Die Einführung von KI bei Kärcher ist kein abgeschlossenes IT-Projekt, sondern eine fortlaufende kulturelle Reise. Wir investieren in die digitale Empathie und die Fähigkeiten unserer Teams. Der Return on Invest (ROI) dieser Massnahmen lässt sich nicht nur in eingesparten Arbeitsstunden messen, sondern in der entfesselten Problemlösungskompetenz der gesamten Organisation. Wir machen aus 17.000 itarbeitenden 17.000 Mit-Erfinder. Das ist der Geist von Kärcher im 21. Jahrhundert.
Key Takeaways
Infrastruktur vor Innovation: Eine homogene Datenbasis und Cloud-Strategie sind zwingende Voraussetzungen, damit KI-Tools im Unternehmen skalieren können.
Kultur schlägt Tooling: Der Erfolg von KI hängt weniger von der Software als von der Bereitschaft der Mitarbeitenden ab, sie zu nutzen. Investieren Sie massiv in Change-Management und Training.
Ambassadors-Netzwerke nutzen: Setzen Sie auf interne Multiplikatoren statt reinem Top-down-Druck. Vertrauen entsteht durch Kollegen, die die Technologie vorleben.
KI-Demokratisierung wagen: Beschränken Sie KI nicht auf Spezialisten. Geben Sie allen Mitarbeitenden Zugang (mit entsprechenden Leitplanken), um die Innovationskraft der gesamten Belegschaft zu steigern.
KI im Finanzbereich – Praxisbeispiele bei Kärcher
Kärcher setzt im Finance-Bereich auf spezifische «KI-Agenten» (personalisierte KI-Assistenten):
Budget-Challenger: analysiert Präsentationen auf Storyline-Brüche und Abweichungen zur Vorlage. Vergleicht die getroffenen Annahmen mit der Entwicklung der Vorjahre.
GL-Coding-Agent: automatisiert die Vorkontierung in der GBS-Einheit durch Abgleich von Rechnungsdaten mit Buchungsrichtlinien.
CFO-Agent: dient als Wissensdatenbank für Ad-hoc-Abfragen zu Finanz- KPIs und Strategiepapieren (basierend auf RAG-Technologie).
Wissensmanagement 2.0: NotebookLM verwandelt statische Dokumente (PDFs, Präsentationen) in interaktive FAQs und Audio-Podcasts («Deep Dive») für schnellen und adressatengerechten Wissenstransfer.
Der digitale Sparringpartner: Zoi
Ein Schlüsselfaktor der Kärcher-Digitalstrategie ist die Zoi TechCon GmbH. Die Digitalisierungs- und Cloud-Tochter der Unternehmensgruppe agiert als eigenständiges Beratungsunternehmen am Markt. Zoi unterstützt Kärcher und externe Kunden nicht nur bei der technischen Implementierung von Cloud- und KI-Lösungen, sondern fungiert als strategischer Partner, um technologische «Lock-in»-Effekte zu vermeiden und die digitale Souveränität zu sichern. Diese Symbiose aus Konzernstärke und Start-up-Agilität beschleunigt die Innovation massiv.
Stefan Patzke
ist Vorstand für Finanzen, IT und Recht bei Kärcher. Er treibt die digitale Transformation und die strategische Ausrichtung des Familienunternehmens voran. Sein Fokus liegt auf der Verbindung von solidem Finanzmanagement mit innovativen Technologien wie KI.
Dr. Daniel Marks
war bis Anfang 2026 Executive Assistant to the CFO bei Kärcher. Er leitete das Projekt zur globalen Einführung von Gemini for Google Workspace und war für die KI-Befähigung der Organisation mitverantwortlich. Zuvor war der promovierte Wirtschaftswissenschaftler in der Forschung und bei Deloitte tätig.


