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«Wir wollen eine positive Kraft in der Gesellschaft sein.»
Das Fürstenhaus Liechtenstein war schon immer unternehmerisch tätig. Während in früheren Jahrhunderten der Erwerb und die Verwaltung von Ländereien die wirtschaftliche Grundlage bildeten, diversifizierte die Familie später in andere Wirtschaftszweige. Das Firmen- und Beteiligungsportfolio reicht von der Agrar- und Forstwirtschaft über die Produktion alternativer Energie bis zur LGT Group, welcher S.D. Prinz Max von und zu Liechtenstein als Chairman vorsteht.
S.D. Prinz Max von und zu Liechtenstein im Gespräch mit Rea Wagner und Walter Thomas Lutz
Durchlaucht, das Leitthema dieser Ausgabe von The Reporting Times lautet «Future fit in a turbulent world», darum zum Einstieg in unser Gespräch: Welche strategischen Herausforderungen und Chancen sehen Sie in der momentanen geopolitischen, wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Entwicklung?
Unsere globalen politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Systeme befinden sich in einer ausserordentlich dynamischen Entwicklungsphase, in der sich vieles sehr schnell verändert. Die wesentlichen Treiber sind neue Technologien, politische Veränderungen, aber auch die weiter voranschreitenden ökologischen Herausforderungen. Wir versuchen einerseits, die verschiedenen Veränderungen mit ihren Treibern und Konsequenzen gut zu verstehen und damit verbundene Risiken zu antizipieren und die Agilität und Resilienz der Organisation zu verbessern. Andrerseits arbeiten wir hart daran, die neuen technologischen Möglichkeiten für die Weiterentwicklung unserer Geschäftsmodelle zu nutzen.
Die Fürstenfamilie von Liechtenstein engagiert sich seit Langem für eine nachhaltige Unternehmensführung. Wie manifestiert sich der Anspruch Ihrer Familie in der Unternehmensstrategie von LGT?
Eine nachhaltige Unternehmensführung zeichnet sich durch eine langfristige und ganzheitliche Perspektive und Handlungsweise aus. Der Anspruch der Familie ist es, über Generationen hinweg eine positive Kraft in der Gesellschaft zu sein. Das manifestiert sich in der Unternehmensstrategie dadurch, dass wir für alle wesentlichen Stakeholder langfristig Mehrwert generieren wollen – nicht nur für die Familie als Aktionärin, sondern natürlich auch für unsere Kunden, für unsere Mitarbeitenden und das breitere Ökosystem, in dem wir wirken. Ich denke, das ist uns ganz gut gelungen, und wir sind in den letzten Jahrzehnten in jeder Hinsicht sehr stark gewachsen.
Nach einer Boomphase haben es Nachhaltigkeitsthemen momentan schwer. Wie positioniert sich LGT unter den gegenwärtigen Voraussetzungen mittel- und langfristig?
Nachhaltigkeit sehen wir nicht als einen Trend, sondern als eine Notwendigkeit, und deshalb bleiben wir beharrlich. Natürlich verändern sich die Herausforderungen, so haben Themen wie Energiesicherheit und Verteidigungsfähigkeit stark an Aufmerksamkeit gewonnen. Bei der LGT versuchen wir, uns dynamisch und agil weiterzuentwickeln, aber eben mit einer ganzheitlichen und langfristigen Perspektive und der notwendigen Beharrlichkeit auf den wesentlichen Themen. Dabei behandeln wir Nachhaltigkeit nicht als isoliertes Thema, sondern als Teil unserer ganzheitlichen Unternehmens- und Anlagestrategie.
«Nachhaltige Werte und Verhaltensweisen zu diskutieren, idealerweise vorzuleben und in einem gewissen Ausmass einzufordern, gehört zu unseren Verantwortungen..»
Resilienz ist derzeit ein häufig gehörter Begriff. Was macht Ihr Unternehmen resilient?
Wir haben ein gut positioniertes und funktionierendes Geschäftsmodell und ein sehr kompetentes Managementteam, das unser Geschäft mit ganzheitlicher Perspektive laufend weiterentwickelt. Wir legen Wert auf eine starke Unternehmenskultur und profitieren von einer einfachen und stabilen Eigentümerstruktur mit kurzen Entscheidungswegen. Unser Geschäftsmodell zeichnet sich durch starke Kernkompetenzen, eine gute geographische Diversifikation, starke Marktpositionen, gutes Wachstum, eine gesunde Profitabilität und durch eine hohe Loyalität bei unseren Kunden und Mitarbeitenden aus.
Das zunehmende Tempo und das Ausmass der Veränderungen in der Welt stellen eine grosse Herausforderung für die langfristige Planung dar. Wie gelingt es Ihnen in diesem Umfeld, die strategische Übersicht zu bewahren?
Zentral bleibt für mich der persönliche Austausch – mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, und auch beim Treffen mit Kunden. Von direkten Erfahrungen zu hören, empfinde ich stets als wertvoll. Ich pflege ausserdem bewusst den Kontakt zu Experten auf Gebieten, die für unser Geschäft direkt oder indirekt relevant sein können. Weiter helfen Erfahrung, und ein gutes analytisches und emotionales Sensorium und etablierte Prozesse, um das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden und um bei Bedarf die richtigen Anpassungen vorzunehmen.
Angesichts der Informationsflut und unterschiedlicher Wertvorstellungen ist es umso wichtiger geworden, glaubwürdig darlegen zu können, warum es gute Gründe für einen eingeschlagenen Kurs gibt und wo das langfristige Ziel liegt.
«Werte für die nächste Generation zu erhalten», zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Fürstenfamilie Liechtenstein, die zahlreiche Krisen und Rückschläge erfolgreich meisterte. Welche Verantwortung tragen Sie als Führungskraft gegenüber der Gesellschaft und kommenden Generationen?
Mein Engagement bei der LGT widerspiegelt meinen persönlichen Anspruch und jenen meiner Familie, aktiv zu einer nachhaltigen Entwicklung von Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft beizutragen. Jeder Mensch kann einen Beitrag leisten, aber die Verantwortung wächst mit der Tragweite und dem Einfluss der Entscheidungskompetenzen. Bei einem verwalteten Kundenvermögen von knapp $500 Milliarden, das sehr einflussreichen Kunden und Institutionen gehört, tragen wir bei der LGT eine wichtige Verantwortung. Wir sind uns dieser Verantwortung bewusst, und wir sprechen oft darüber, wie wir diese am besten wahrnehmen sollen. Nachhaltige Werte und Verhaltensweisen zu diskutieren, idealerweise vorzuleben und in einem gewissen Ausmass einzufordern, gehört zu unseren Verantwortungen.
An Auftritten betonen Sie immer wieder die Bedeutung von Stabilität und Werten. Welche Werte erweisen sich in Zeiten globaler Umbrüche als besonders tragfähig und wie werden sie im Alltag bei der LGT gelebt?
Ich bin überzeugt, dass es ungeachtet der Umstände zentrale Werte gibt, die uns als Unternehmen und Menschen vorwärtsbringen. Dazu gehören Respekt, Wertschätzung und Dankbarkeit, aber auch Disziplin, Integrität, Streben nach Qualität, Fortschritt und Selbstverantwortung. Unsere Unternehmenskultur fördert diese Werte und Verhaltensweisen über verschiedenste Massnahmen – unter anderem durch gezielte Kommunikation, aber auch im Kontext der Evaluation unserer Mitarbeitenden und bei der Einstellung von neuen Mitarbeitenden.
Wenn Sie auf Ihre eigene Laufbahn zurückblicken: Welche Erfahrungen haben Sie am stärksten geprägt?
Die Erziehung meiner Eltern, die bodenständige und leistungsorientierte Kultur in Liechtenstein, meine erste Berufserfahrung in der Private Equity Industrie in New York, und die Erfahrung mit der guten Kultur, die ich bei der LGT vorgefunden habe.
Und nach vorn geblickt: Über welche Kompetenzen sollten Führungskräfte verfügen, um ihre Organisationen «future fit» in die Zukunft zu führen?
Neben den erforderlichen fachlichen Kompetenzen braucht es eine gute emotionale und kulturelle Kompetenz und die Fähigkeit, die richtigen Prioritäten zu setzen und diese in einer grossen Organisation umzusetzen. Bei der Implementierungskompetenz sind persönliche Haltung und Ausstrahlung entscheidend, die dabei helfen, einem Unternehmen und seinen Stakeholdern nachvollziehbare Orientierung zu vermitteln. Angesichts der heutigen Informationsflut und sehr unterschiedlichen Wertvorstellungen ist es umso wichtiger geworden, glaubwürdig darlegen zu können, warum es gute Gründe für einen eingeschlagenen Kurs gibt und wo das langfristige Ziel liegt.
Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Wie schöpfen Sie neue Energie und Kreativität?
Ich erhole mich in der Natur, beim Sport und beim lockeren und unterhaltenden Zusammensein mit Familie und Freunden. Kreativität kommt auch aus stimulierenden Inspirationen aller Art: Büchern, Begegnungen, Filmen und Unterhaltungen.
Über S.D. Prinz Max von und zu Liechtenstein
S.D. Prinz Max von und zu Liechtenstein studierte Betriebswirtschaft an der European Business School und absolvierte einen MBA an der Harvard Business School. Für JP Morgan Partners war er in New York und Europa tätig. 2006 wurde er CEO der LGT, seit 2021 ist er auch Chairman der LGT.


