Eine Selektion inspirierender Geschäftsberichte

Nach der Reporting-Saison ist bekanntlich vor der Reporting-Saison. Das Sektglas zur Feier des publizierten Geschäftsberichts ist kaum leer getrunken, da schweifen die Gedanken der Berichterstatter bereits zum nächsten Jahresabschluss. Wir überbrücken die Sommerpause und versorgen Sie mit Ideen und Inspirationen für Ihr nächstes Konzept. Entdecken Sie in diesem Artikel eine Selektion spezieller, neuartiger und unkonventioneller Geschäftsberichte aus der vergangenen Reporting-Saison.


Ringier – oder: Ein Frosch hüpft auf dem Trockenen

Was haben ein Frosch und ein Algorithmus gemeinsam? «Nichtmenschliche Intelligenz», sagt Katja Novitskova, die den Kunstteil des Ringier Jahresberichts 2017 konzipiert hat. Der Medienkonzern veröffentlichte auch dieses Jahr nebst dem üblichen Zahlenteil ein künstlerisches Bulletin. Wir haben bei Alejandro Velert, Co-Projektleiter Jahresbericht Ringier, nachgefragt, welche Hauptzielsetzungen das Unternehmen mit diesem zweigeteilten Geschäftsbericht verfolgt:

Eine vordefinierte Zielsetzung ist im Prinzip kaum möglich, weil der Ringier-Jahresbericht traditionsgemäss jedes Jahr von einem Künstler erstellt wird, der bei der Gestaltung freie Hand hat. Die diesjährige Künstlerin, Katja Novitskova, hat von ihr ausgesuchte Bilder und Fotos mit Algorithmen verändert und so ein erstaunliches Bilder-Panoptikum erschaffen. Damit hat sie ein traditionelles Medium in die Neuzeit katapultiert. Sie hat uns zudem erlaubt, ihr Werk mit von uns produzierten Augmented-Reality-Elementen anzureichern. Der Ringier Jahresbericht 2017 verbindet, so wie es auch der Ringier-Konzern seit Jahren tut, unterschiedliche Medien miteinander.
— Alejandro Velert

Das Zauberwort heisst also «Augmented Reality». Im Zahlenteil erhält der Leser Zugang zu einer «erweiterten Realität», indem gekennzeichnete Bildelemente dank einer eigens dafür konzipierten App, der «Ringier AR», zum Leben erwachen und dem Betrachter zusätzliche Informationen vermitteln. Wetten, dass auch Sie erst einmal ungläubig blinzeln, wenn aus einem statischen Schwarz-Weiss-Bild urplötzlich Roger Federer in Aktion tritt und in seinem weissen Nike-Trikot abermals zum Siegesschlag am diesjährigen Australian Open ausholt?

Zugang zu einer «virtuellen Realität» bietet auch der Geschäftsbericht 2016 von Zalando. Mittels App und Virtual-Reality-Brille begibt sich der Leser auf eine Reise durch Zalando City und entdeckt inmitten von Hochhäusern und Passanten aktuelle Fakten und Zahlen aus dem Jahresbericht. Im selben Jahr realisierte auch das Kantonsspital Aarau in Zusammenarbeit mit der Webagentur Interpunkt einen Jahresbericht mit 360°-Virtual-Reality-Rundgang. Der Betrachter versetzt sich in die Perspektive eines Patienten und navigiert sich interaktiv durch das Spitalgelände. Selbst ein virtueller Blick über die Schultern verschiedener Experten bleibt einem dabei nicht verwehrt.


Geberit – oder: Digital first ist Trumpf

Vom Frosch zur Maus: Um den Geschäftsbericht 2017 von Geberit zu lesen, muss man nicht blättern, sondern vielmehr die Computermaus dynamisch einsetzen. Geberit zählt zu den ersten Schweizer Unternehmen, die den Ansatz «Online only» konsequent verfolgen. Wie in den vorangegangenen Jahren hat Geberit auch den aktuellen Jahresbericht als integrierte Online-Plattform konzipiert.

Das Hauptaugenmerk von Geberit liegt auf der Realisation einer interaktiven Benutzerfreundlichkeit. Im Editorial etwa spricht der Verwaltungsratspräsident in einem Video direkt die Leserschaft an. Auch der individuell gestaltbare «Geberit Kennzahlenvergleich» zahlt auf das Konto «Nutzerfreundlichkeit» ein. Dazu können einzelne Kennziffern und zu vergleichende Jahre ausgewählt werden und die entsprechende Entwicklung erscheint unmittelbar in Form einer Grafik. Um der Individualität der verschiedenen Zielgruppen zusätzlich gerecht zu werden, können Leser mit der Funktion «Seite merken» einzelne Seiten und Grafiken des Berichts sammeln und schliesslich im Downloadcenter ihren persönlichen Offline-Geschäftsbericht als PDF ausdrucken.

Erstmalig hat auch Adidas den Geschäftsbericht ausschliesslich in digitaler Form veröffentlicht. Auf einer einzigen Seite ist der gesamte Online-Kurzbericht aufgeführt und «Scroll Down» somit die bewährte Fortbewegungsstrategie. Diverse Videos und Infografiken ergänzen entlang dieser Seite die Highlights des Geschäftsjahrs, die Botschaft des CEOs an die Aktionäre sowie die Darlegung der Strategie. Um einen guten Lesefluss sicherzustellen, verzichtet Adidas gänzlich auf den Einsatz von Microsites.

 

 

 

 

 

 

 

 

Tamedia – oder: Zeit für eine Zeitung

Dass trotz Digitalisierung das Credo in der Berichterstattung gegenwärtig auch «Print first» lauten kann, beweisen zwei Unternehmen, die ihren aktuellen Geschäftsbericht im klassischen Zeitungsformat gedruckt haben. Der Medienkonzern Tamedia besinnt sich anlässlich seines 125-jährigen Bestehens auf die eigenen Wurzeln zurück und veröffentlicht den Geschäftsbericht 2017 im handlichen Zeitungslayout. Wer hätte beim Druck des ersten «Tages-Anzeigers» anno 1893 schon gedacht, dass das Online-Angebot vom «Tagi» heute mehr Leser verzeichnet als die klassische Druckversion? Nicht zuletzt deshalb fällt das zeitungsnahe Layout des aktuellen Berichts umso stärker auf. Umgeben von den üblichen finanziellen Kennzahlen ist der Mittelteil vollumfänglich dem 125-Jahr-Jubiläum gewidmet. Aktuelle Trends im Journalismus, Interviews mit dem Management und mit Mitarbeitern von Tamedia sowie Grafiken zur aktuellen Mediennutzung in der Schweiz machen diesen Berichtsteil aus. Ergänzend dazu bietet Tamedia den Geschäftsbericht 2017 auch als App an.

Auch Siegfried wagte sich dieses Jahr an eine komplette Neukonzeption des Geschäftsberichts und publizierte diesen als Zeitung. Eine Reduktion des Umfangs im Vergleich zum Vorjahr und die thematische Verteilung des Inhalts auf verschiedene Bunde (Lagebericht, Strategie, Vergütungsbericht, Nachhaltigkeitsbericht, Finanzbericht) dienen einer besseren Übersicht.

Bereits 2010 adaptierte Kuoni seinen Geschäftsbericht «A Better Tomorrow» an das Zeitungsformat und veröffentlichte den Bericht im Layout einer klassischen Tageszeitung.


Das CCR serviert regelmässig Inspirationshäppchen

Auch wenn die vorgestellten Geschäftsberichte in ihrer Form unterschiedlicher kaum sein könnten, so ist ihnen doch etwas gemein: die Experimentierfreudigkeit. Neue, unkonventionelle Ideen und die Auslotung digitaler Möglichkeiten nehmen zu. Die Krux im Kontext dieser transformatorischen Prozesse liegt wohl darin, dass jedes Unternehmen den für sich passenden Mix aus den Kanälen Print und Digital finden muss und bei der Publikation des Geschäftsberichts die gewählte Strategie und Zielsetzung konsequent verfolgt.

Das CCR wird die Reporting-Landschaft auch in Zukunft genau beobachten und aktuellen Trends auf den Zahn fühlen. Unseren Firmenmitgliedern stehen die CCR-Experten bei Fragen gerne mit Rat und Tat zur Seite. Und natürlich sind wir stets gespannt auf Inputs aus unserer Community: Welche Themen beschäftigen Sie aktuell? Wo sehen Sie Chancen und Risiken in der Unternehmensberichterstattung? Wir freuen uns auf Ihr Feedback .


Aufgefallen! – weitere Geschäftsberichte zur Inspiration

  • Basler Kantonalbank (BKB) 
    Mit «Augmented Reality» die Vision der Bank in einer dreidimensionalen Welt erleben.
     
  • Mobiliar
    Vorher-Nachher-Porträtbilder versetzen Mitarbeiter des Versicherungskonzerns innert Kürze ins Pensionsalter.
     
  • Puma
    Sämtliche Finanzzahlen werden im Vordergrund des Weltrekordsprints von Usain Bolt abgespult – in gerade einmal 9,58 Sekunden.
     
  • Swica
    Im handlichen Landkartenformat lässt Swica die Leser nach ihrem persönlichen Glück suchen.
     
  • Wienerberger AG
    Ein filigranes Geflecht aus Koordinaten visualisiert die Standorte und die Ausweitung des österreichischen Unternehmens.


 

Über die Autorin

 

Helen Gloor ist beim Center for Corporate Reporting (CCR) für den Bereich Themen und Knowledge Management zuständig. Nach ihrem Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Zürich arbeitete sie zwei Jahre als Kommunikationsverantwortliche und Direktionsassistentin eines Start-Up Unternehmens. Während dieser Zeit eignete sie sich Know-how rund um die Themenfelder Investor Relations, Event-Management sowie Unternehmenskommunikation an.